Fachwissen für Tierfreunde

Qualzucht erkennen

Platte Nasen, gefaltete Ohren, winzige Körper: Was viele Menschen niedlich finden, bedeutet für die Tiere oft ein Leben mit Atemnot und Schmerzen. Die SUST klärt auf und unterstützt die Qualzucht-Datenbank von QUEN.

Was ist Qualzucht?

Wenn das Zuchtziel dem Tier schadet

Von Qualzucht spricht man, wenn Tiere auf ein Aussehen oder eine Eigenschaft hin gezüchtet werden, die ihnen Schmerzen, Leiden oder Schäden bringt. Die Tiere tragen diese Last ein Leben lang, und sie geben sie an ihre Nachkommen weiter.

Typische Beispiele:

  • Kurzköpfigkeit bei Mops, Französischer Bulldogge oder Perserkatze: Die verkürzte Schnauze lässt zu wenig Raum zum Atmen. Viele Tiere schnarchen schon in Ruhe und vertragen Wärme und Anstrengung schlecht.
  • Faltohren bei der Scottish Fold: Sie entstehen durch angezüchtete Fehlbildungen des Knorpels, die meist die Gelenke im ganzen Körper betreffen.
  • Schwere Riesenrassen wie die Molosser: Bei der Bordeauxdogge nennt QUEN Atemnot, Herzkrankheiten, Hüft- und Ellbogendysplasie, entzündete Hautfalten und eingerollte Augenlider. Viele Tiere werden nur fünf bis acht Jahre alt.
  • Extreme Kleinheit wie bei Teacup-Hunden oder kurze Beine wie bei Munchkin-Katzen.

Auch Kaninchen, Meerschweinchen, Ziervögel, Fische und Nutztiere werden auf Merkmale gezüchtet, die ihnen schaden. Oft leiden die Tiere, ohne dass es ihren HalterInnen bewusst ist. Beispiele nach Tiergruppen

In der Schweiz verboten

Die Verordnung des BLV über den Tierschutz beim Züchten verbietet unter anderem Zwerghunde, die ausgewachsen weniger als 1500 Gramm wiegen, Katzen mit extrem verkürzten Vorderbeinen (Känguru-Katzen), Tanzmäuse und Goldfische mit Blasen-, Himmelsgucker- oder Teleskopaugen.

Was das Schweizer Recht regelt

Vor dem Kauf nachlesen

Die Merkblätter von QUEN beschreiben Rasse für Rasse, welche Probleme typisch sind und wie stark sie die Tiere belasten. Die SUST empfiehlt, sie vor jeder Anschaffung zu lesen.

Zur Qualzucht-Datenbank

Beispiele

Qualzucht bei Heimtieren, Fischen und Nutztieren

Eine Auswahl der bekanntesten Qualzuchten. Ein Klick auf die Karte führt zum Merkblatt von QUEN mit allen Einzelheiten.

Heimtiere

Weitere Beispiele sind Ratten ohne Schwanz, Leopardgeckos der Farbform «Lemon Frost» mit Hauttumoren und dominant weisse Katzen mit eingeschränktem Gehör. In der Schweiz ausdrücklich verboten sind Zwerghunde unter 1500 Gramm, Känguru-Katzen, Tanzmäuse und Reptilien mit Enigma-Syndrom.

Aquaristik

Orangefarbener Goldfisch mit grossen Blasen unter den Augen in einem Aquarium

Blasenaugen und Teleskopaugen

Diese Goldfische sehen kaum, was Fressen und Schwimmen erschwert. In der Schweiz ist ihre Zucht verboten.

Rot-weisser Goldfisch mit Wucherungen am Kopf in einem Aquarium

Löwenkopf-Goldfische

Wucherungen am Kopf können die Augen ganz überwachsen.

Silbriger Fisch mit gestauchtem, rundem Körper in einem Aquarium

Ballonformen

Der gestauchte Körper behindert das Schwimmen, und ein verformter Kopf kann die Atmung stören.

Orangefarbener Goldfisch mit sehr langen, wehenden Flossen in einem Aquarium

Schleierformen

Übergrosse Flossen machen die natürliche Fortbewegung teilweise unmöglich.

Mehr zur Fischzucht bei QUEN, Fische.

Nutztiere

Weitere Beispiele sind Hausenten mit Federhaube, bei denen ein Fettpolster das Gehirn verformen kann, und Gänse mit übermässiger Wamme.

Die Bilder in diesem Abschnitt sind aus Tierschutzgründen KI-generiert, mit Ausnahme des Mopses.

Im Vergleich

Kurzköpfig oder normal

Gezüchtet wird nur der Schädel kürzer, die Weichteile schrumpfen nicht mit: Gaumensegel, Zunge und Nasenmuscheln haben zu wenig Platz und versperren die Atemwege. Ist die Nase kürzer als ein Drittel des Kopfes, stuft QUEN die Belastung als stark ein.

Kopf eines Mopses im Profil mit sehr kurzer, flacher Schnauze

Kurzköpfig (brachyzephal)

Nase, Rachen und Luftröhre sind zu eng. In einer britischen Studie hatten 64,6 Prozent der Möpse ein Atemwegssyndrom, dazu kommen Augengeschwüre und Hitzschlag.

Kopf eines mittelgrossen Mischlingshundes im Profil mit normal langer Schnauze

Normale Kopfform

Durch die lange Nase atmet der Hund frei und gibt beim Hecheln einen grossen Teil seiner Wärme ab, auch bei Anstrengung.

Die Bilder in diesem Abschnitt sind aus Tierschutzgründen KI-generiert.

Hunde mit Merle-Färbung

Merle: gefragte Farbe, hohes Risiko

Merle ist ein marmoriertes Fellmuster, oft mit blauen Augen. Es entsteht durch eine Veränderung im Erbgut, die auch Augen und Innenohr betreffen kann.

  • Paart man zwei Merle-Hunde, sind die Welpen häufig blind, taub oder haben zu kleine Augen («Doppelmerle»).
  • Helle Fellfarben können Merle verdecken. Ohne Gentest wird es leicht unbemerkt weitergegeben.
  • Taube oder blinde Hunde lernen Beisshemmung und Sozialverhalten schwerer und können nur eingeschränkt frei laufen.

Die Schweizer Zuchtverordnung verbietet Verpaarungen, bei denen nicht auszuschliessen ist, dass die Welpen blind oder taub werden. QUEN fordert darum, alle Zuchttiere vor der Verpaarung auf Merle zu testen.

Merkblatt «Merle-Syndrom» von QUEN

Australian Shepherd mit marmoriertem grau-schwarzem Fell und einem hellblauen Auge sitzt in einer Wiese
Australian Shepherd in Blue Merle. Das Bild ist aus Tierschutzgründen KI-generiert.

Merle gehört zum Rassestandard

  • Australian Shepherd, Border Collie, Collie, Shetland Sheepdog
  • Welsh Corgi Cardigan, Teckel (Tigerteckel)
  • Deutsche Dogge (Harlekin)
  • Bergamasker, Pyrenäenschäferhund, Beauceron, Mudi
  • Dunkerhund, Altdeutscher Hütehund, Catahoula Leopard Dog

Merle durch Einkreuzung

  • Chihuahua
  • Französische Bulldogge
  • Mops
  • Zwergspitz (Pomeranian)
  • Mischlinge wie «Aussiedoodle»

Bei diesen Rassen kommt Merle natürlicherweise nicht vor. Wer solche Welpen anbietet, hat das Merkmal gezielt eingekreuzt.

Unsere Forderung

Die Qualzucht-Problematik steigt laufend. Es gilt, in diesem Bereich Gesetze zu erlassen, die die Haltung und Zucht wie auch den Kauf solcher Tiere erschweren oder verunmöglichen.

Susy Utzinger Stiftung für Tierschutz, Stellungnahme zur Teilrevision der Tierschutzverordnung, März 2024
Stellungnahme der SUST

Unsere Haltung zur Qualzucht

Die SUST lehnt es ab, Tiere zu züchten, deren Aussehen oder Körperbau ihnen Schmerzen, Atemnot oder Einschränkungen bringt. Nimmt ein Rassestandard das in Kauf, ist er kein Schönheitsideal, sondern Tierleid.

Was wir beobachten

  • In den Tierarztsprechstunden der Sozialarbeit für Tiere zeigen viele Hunde und Katzen Qualzuchtmerkmale.
  • Viele HalterInnen wissen nicht, dass ihr Tier darunter leidet.
  • Inserate, Werbung und soziale Medien zeigen überzüchtete Tiere als besonders herzig. Das normalisiert ihr Leiden und kurbelt die Nachfrage an.

Wofür wir uns einsetzen

  • Das Qualzuchtverbot wird konsequent durchgesetzt, bei Zucht, Handel und Ausstellungen.
  • Die Gesetze werden strenger und tierfreundlicher: Tiere mit zuchtbedingten Belastungen dürfen weder gehalten noch gekauft werden, nicht nur stark belastete.
  • Tiere mit Qualzuchtmerkmalen erscheinen nicht unkritisch in Werbung und sozialen Medien.
  • HalterInnen und Kaufinteressierte erfahren, woran sie Qualzucht erkennen.
  • Betroffene Tiere werden kastriert und erhalten die tierärztliche Hilfe, die sie brauchen.

Wer ein Tier sucht, findet in Schweizer Tierheimen viele gesunde Hunde, Katzen und Kleintiere.

Partnerschaft

Die Qualzucht-Datenbank von QUEN

Das Qualzucht-Evidenz Netzwerk QUEN sammelt das Wissen über zuchtbedingte Defekte bei Tieren und stellt es frei zugänglich zur Verfügung. Die SUST unterstützt QUEN und macht die Datenbank und die Merkblätter in der Schweiz bekannt.

Hinter QUEN stehen ehrenamtlich engagierte TierärztInnen, JuristInnen, BiologInnen und weitere Fachleute aus Deutschland, Österreich, den Niederlanden und der Schweiz. Die Datenbank richtet sich in erster Linie an Veterinärbehörden, Gerichte und die Politik, damit das Qualzuchtverbot im Alltag durchgesetzt wird. Sie ist aber für alle offen, die sich vor dem Kauf eines Tieres informieren.

Jedes Merkblatt beschreibt eine Rasse oder ein Merkmal: die typischen Probleme, wie stark sie das Tier belasten, wie sie vererbt werden und ob es Gentests gibt. Dazu kommt eine tierschutzrechtliche Bewertung für Deutschland, Österreich, die Schweiz und die Niederlande. Die Datenbank umfasst Hunde und Katzen ebenso wie Kaninchen, Meerschweinchen, Ratten, Ziervögel, Fische, Reptilien und Nutztiere.

Das Schweizer Recht

Vier Belastungskategorien

Seit 2015 legt die Verordnung des BLV über den Tierschutz beim Züchten fest, mit welchen Tieren gezüchtet werden darf. Massgebend ist das Merkmal, das ein Tier am stärksten belastet. Auch QUEN stuft die Defekte nach diesem Schweizer Modell ein.

0

Keine Belastung

Mit diesen Tieren darf gezüchtet werden.

1

Leichte Belastung

Pflege, Haltung oder Fütterung gleichen die Belastung aus. Zucht ist erlaubt, die neuen HalterInnen werden schriftlich informiert.

2

Mittlere Belastung

Zucht ist nur erlaubt, wenn die Nachkommen weniger belastet sein sollen als die Elterntiere. Die Zucht muss dokumentiert werden.

3

Starke Belastung

Mit diesen Tieren darf nicht gezüchtet werden, ebenso wenig mit einem Zuchtziel, das Nachkommen dieser Kategorie hervorbringt.

Die Grundlage bildet Artikel 25 der Tierschutzverordnung: Zucht soll gesunde Tiere hervorbringen, und verboten ist, Tiere zu züchten, denen erblich bedingt Körperteile oder Organe für den arttypischen Gebrauch fehlen oder umgestaltet sind, wenn ihnen dadurch Schmerzen, Leiden oder Schäden entstehen. Den Wortlaut finden Sie in der Tierschutzverordnung und in der Verordnung des BLV über den Tierschutz beim Züchten.

Fragen und Antworten

Was Tierfreunde wissen sollten

Ob Sie ein Tier suchen, schon eines mit Qualzuchtmerkmalen haben oder auf ein fragwürdiges Angebot stossen: Hier finden Sie die wichtigsten Antworten.

Vor dem Kauf

Woran erkenne ich Qualzuchtmerkmale?

Hellhörig werden sollten Sie bei einem Tier, das schon in Ruhe laut atmet oder schnarcht, bei einer sehr kurzen Schnauze mit engen Nasenlöchern, bei stark hervortretenden Augen, gefalteten Ohren, extrem kurzen Beinen oder einem auffallend kleinen Körper. Auch fehlende Haare oder Tasthaare und ein fehlender Schwanz können zuchtbedingt sein.

Welche Probleme bei einer bestimmten Rasse typisch sind, beschreiben die Merkblätter von QUEN. Lassen Sie sich zudem von einer Tierärztin oder einem Tierarzt beraten, bevor Sie sich für ein Tier entscheiden.

Warum sind Tiere mit Qualzuchtmerkmalen so gefragt?

Grosse Augen und eine runde Kopfform erinnern an ein Kindergesicht und wecken den Beschützerinstinkt. In Werbung und sozialen Medien werden überzüchtete Tiere oft als besonders herzig gezeigt. Durch diese unkritische Darstellung wird ihr Leiden normalisiert, und die Nachfrage steigt.

Wie Sie solche Inhalte einordnen, lesen Sie unter Tierleid erkennen.

Woran erkenne ich ein seriöses Angebot?

Viele Tiere mit Qualzuchtmerkmalen stammen aus dem Handel, oft aus dem Ausland. Seien Sie vorsichtig bei Angeboten auf Online-Plattformen, bei Übergaben auf Parkplätzen und bei Welpen, deren Elterntiere Sie nicht sehen dürfen. Worauf Sie achten sollten, steht im Leitfaden «Ein Tier aus dem Ausland» der SUST.

Wenn es schon passiert ist

Mein Tier hat Qualzuchtmerkmale. Was kann ich tun?

Ihr Tier braucht vor allem eine aufmerksame Halterin oder einen aufmerksamen Halter. Besprechen Sie mit Ihrer Tierärztin oder Ihrem Tierarzt, welche Beschwerden zu erwarten sind und wie sie sich lindern lassen. Bei kurzköpfigen Tieren gehören dazu etwa Schutz vor Hitze und Überanstrengung.

Züchten Sie nicht mit dem Tier und lassen Sie es kastrieren, damit es seine Merkmale nicht weitergibt.

Ich vermute eine Qualzucht. Wem melde ich das?

Zuständig für den Vollzug des Tierschutzrechts ist der Veterinärdienst Ihres Kantons. Ihm können Sie eine Zucht oder ein Inserat melden, das Ihnen fragwürdig erscheint. Halten Sie fest, was Sie gesehen haben, und sichern Sie Inserate oder Fotos.

Für Tierleid in den sozialen Medien gibt es eigene Meldewege: Tierleid melden.

Aus der Praxis der SUST

Qualzucht begegnet uns im Alltag

Zwei Berichte zeigen, wie die SUST betroffenen Tieren in der Schweiz hilft und ihre HalterInnen aufklärt.

Tierarztsprechstunde in Biel

An einer Sprechstunde der Sozialarbeit für Tiere wiesen viele der zwölf behandelten Tiere Qualzuchtmerkmale auf. Die Sprechstunden bieten Raum, um die HalterInnen über Qualzucht und Kastration aufzuklären.

Sorgenbüsi Bolo

Kater Bolo ist eine Scottish Fold, deren Genetik schmerzhafte Knochen- und Knorpelveränderungen verursachen kann. Die SUST half bei der Behandlung, und Bolo wurde kastriert, damit er seine Gene nicht weitergibt.

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